Die traditionelle Postschiffroute

Jeder von uns hat ja eine Löffelliste, eine sogenannte Bucket List.
Ein Punkt davon lautete bei mir schon länger: Ich möchte einmal eine Reise auf bzw. mit einem Expeditionsschiff machen.
Lange brauchte ich Andi nicht überreden. Um soft zu starten, entschieden wir uns für die klassische Postschiffroute mit Hurtigruten.

Flüge wurden gesucht, Schiffe verglichen, ehe wir uns für die MS Midnatsol entschieden. Ok, es ist zwar eines der größeren Schiffe, aber mit 970 Passagieren dennoch überschaubar. Außerdem passte es mit den Flügen so einfach optimal.

Wir buchten die Route nordwärts, starteten im September 2019 also in Bergen. Die siebentägige Expedition führt entlang von Küstenstädten, kleinen einsamen Dörfern und wunderschönen Fjorden über den Polarkreis und dem Nordkap bis nach Kirkenes an der russischen Grenze.

Nur mit Handgepäck flogen wir bereits zwei Tage vor Abfahrt in Norwegens zweitgrößte Stadt. Während wir am ersten Tag wussten, warum Bergen die regenreichste Großstadt Europas ist, zeigte sich die kleine, süße Stadt am nächsten Tag von seiner besten Seite.
Da ich durch einen Bänderriss noch leicht gehandicapt war, fuhren wir mit der Fløibahn auf Bergens 320 Meter hohen Hausberg. Vom Gipfel hat man einen wunderbaren Blick auf Bergen, den Ulriken und den kompletten Fjord. Man braucht auch nur ein paar Meter weiterwandern und lässt komplett die Menschenmassen hinter sich.

Wir hatten das Glück, dass zeitgleich Bergens Ølfestival (Øl=Bier) stattfand. Das Festival war ideal, um sich durch die unterschiedlichen Biersorten der rund 45 Brauereien zu probieren.

Am folgenden Tag schlenderten wir noch durch die Gassen Bergens, ehe wir uns um 16 Uhr zur Einschiffung begaben. In unseren Augen verlief diese recht zügig, auch wenn es immer Nörgler gibt, denen es nicht schnell genug gehen kann.

Doch die Mitarbeiter waren super freundlich. Wir zeigten lediglich unsere Personalausweise, scannten die Kreditkarte ein und erhielten unsere Schlüsselkarten sowie eine kurze Info zu den Essenszeiten.
Dann bemerkte ich, dass auf dem Umschlag auf einmal etwas von einem Treffpunkt für Suiten stand. Suite? Wir haben doch eine ganz normale Kabine gebucht. Der Mitarbeiter grinste: „Ihr habt ein Upgrade erhalten.“ What? Wie toll ist das denn?

Als wir gegen 17 Uhr an Bord waren, zog es uns zuerst aufs Sonnendeck, ehe wir dann doch mal in unseren Wartebereich gingen, da die Kabinen noch nicht freigegeben waren. Schon an der Tür zur Lounge hing ein Schild mit „Suite only“. Etwas nervös betraten wir den Raum und nahmen Platz. Neben den anderen Personen fühlten wir uns fehl am Platz und hatten das Gefühl, hier überhaupt nicht herzugehören. Kein Wunder, dass wir wie zwei Kinder kicherten, als wir kleine Häppchen (hatte ich erwähnt, dass wir schon Hunger hatten) und Champagner (ja, richtig gelesen, Champagner) sahen.

Man hätte in dem Raum eine Stecknadel fallen hören, weil sich keiner unterhielt (die hatten sich anscheinend alle nichts mehr zu sagen) und so trauten auch wir uns nur zu flüstern.
Um 18 Uhr waren die Kabinen fertig und wir suchten unsere auf. Wir hatten eine Minisuite erhalten. Und auf der Kabine wartete als Willkommensgruß wieder eine Flasche Champagner auf uns. Ich glaube, Hurtigruten hat mit dem Upgrade zwei Menschen sehr glücklich gemacht, die so etwas auch sehr zu schätzen wissen. Am Abend sahen wir der MS Midnatsol beim Ablegen zu und sagten Bergen Goodbye.

Einige Häfen wurden in der Nacht angelaufen, wovon man nicht viel mitbekommt. Hier einige Highlights unserer Route:

Hjørundfjord: Die Einfahrt in den Hjørundfjord – dieser wird im September statt des Geirangerfjord angefahren – ist wirklich atemberaubend. In Urke ankern wir und werden mit Tenderbooten an Land gebracht. Dort lassen wir es uns nicht nehmen ein paar Schritte zu laufen, um dann doch mal ein Foto vom kleinen Schiff inmitten des riesigen Fjords zu machen. Außerdem lassen wir uns in dem einzigen Café ein kühles Bier schmecken – welches man selbst in Urke mit Kreditkarte zahlen kann.

Trondheim: Natürlich kann man an Bord auch Ausflüge mit dem Expeditionsteam buchen. Wir entschieden uns jedoch alles auf eigene Faust zu machen. Trondheim lässt sich gut zu Fuss erkunden. Kunterbunte Holzhäuser, gemütliche Cafés – Trondheim hat einen ganz zauberhaften Charme. Tipp: Von der berühmten Gamle Bybru hat man einen traumhaften Blick auf die hübschen, bunten Holzhäuser. 

Die bunten Holzhäuser in Trondheim

Polarkreis: Was natürlich nicht fehlen darf: Bei der Überquerung des Polarkreises gibt es an Deck eine Taufe. Sie erinnert ein wenig an die Ice-Bucket-Challenge. Man bekommt eine Kelle Eiswasser in den Nacken geschüttet und darf im Anschluss einen Schnaps trinken. Dass es hier mehr um den Schnaps, als um die Taufe geht, versteht sich von selbst 🙂

Svolvær: Wir erreichten die Lofoten-Hauptstadt abends gegen 21 Uhr. Wir gehen von Bord und sind hin und weg von dem süßen Örtchen. Wir wissen: Hier kommen wir noch mal her, werden uns eine Hütte mieten und Nordlichter beobachten.

Tromsø: Die meisten besuchen die Eismeerkathedrale, die auch beeindruckend ist. Jedoch hatten wir bereits vom Schiff aus einen super Blick. Uns zieht es eher woanders hin: Die nördlichste Brauerei der Welt! Die Ølhallen. Über 60 Biere gibt es hier vom Fass.

Honningsvåg/Nordkap: Honningsvåg ist der Ausgangspunkt für Ausflüge zum Nordkap. Wir bleiben vor Ort, wandern ein wenig den Hausberg hoch und genießen nicht nur die Ruhe und die Natur, sondern auch den wundervollen Blick über den Ort.

Kirkenes: In Kirkenes endet die nordgehende Route, das Schiff wendet und macht sich auf den rund 2500 Kilometer weiten Rückweg nach Bergen. Wir gehen von Bord und flüchten nicht sofort zum Flughafen, wie es sonst üblich ist.

Wir bleiben zwei Nächte in Kirkenes, lassen die Eindrücke wirken und wandern ein wenig durch die Friluftsområde. Da es in unserer zweiten Nacht sternenklar ist, spazieren wir spätabends erneut in die Natur, um abseits der Lichter Sterne zu gucken. Natürlich halten wir auch nach den bekannten Nordlichtern Ausschau. Doch diese lassen sich nicht blicken.
Auf dem Weg zurück zur Wohnung, sehen wir auf einmal Nebel, der so aussieht, als würde er am Himmel tanzen. Könnte das etwa? Wir fragen ein junges Mädchen, das uns entgegen kommt, ob das Nebel ist oder vielleicht doch ein Nordlicht. Sie blickt nur kurz hoch und antwortet desinteressiert: „Northern lights!“
Ja, für die Bewohner mag das nichts Besonders mehr sein, für uns aber umso mehr.

Nordlichter!

Die Reise hat Lust auf mehr gemacht. Mit einem Expeditionsschiff zu reisen war eine ganz besondere Erfahrung. Jeder weiß, worauf er sich einlässt, dass man nicht den Luxus erwarten darf, den vielleicht Kreuzfahrtschiffe bieten. Aber darum geht es bei so einer Reise auch nicht. Man ist sowieso selten auf der Kabine, da man durch eine so unglaublich schöne Natur tuckert, dass man die ganze Zeit an Deck sitzt. Oder einem der interessanten Vorträge über Flora und Fauna lauscht. Die Postschiffreise ist legendär und gilt als die „schönste Seereise der Welt“ – für uns war es auf jeden Fall ein einzigartiges und authentisches Norwegen-Erlebnis .

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