
Eine Woche schweigen – ganz bewusst habe ich mich vom 12. bis 19. März 2023 dazu entschieden, eine Woche lang an einem Schweigeretreat teilzunehmen. Ich hatte es schon länger vor, doch hab es immer wieder vor mir hergeschoben. Doch da ich es bei und mit Ursula Lyon machen wollte, war mir klar: Jetzt oder nie. Die 94-Jährige ist für mich eine Koriphäe und eine absolute Inspiration. Ihr Zugang ist ein lebensnaher, humorvoller und zutiefst menschlicher.
Was ist ein Schweigeretreat?
Ein Schweigeretreat ist eine Zeit, in der man sich bewusst von der Außenwelt zurückzieht und sich auf die innere Stimme konzentriert. Innere Stille durch äußere Stille. Nur dann kann man hören, was gehört werden will und es hilft uns, uns selbst und unsere wahren Bedürfnisse besser kennenzulernen.
Während eines Schweigeretreats wirst du nicht nur meditieren, sondern auch in Stille leben.
Das Schweigen kann am Anfang ungewohnt und sogar beängstigend sein. Doch je mehr Zeit du in Stille verbringst, desto mehr wirst du dich entspannen und die Ruhe genießen. Indem du dich von den Reizen der Außenwelt abschirmst, kannst du tiefer in dich hineinspüren.
Außerdem kann es sehr wohltuend sein, nicht immer zu reagieren oder zu bewerten, sondern ganz in einem Beobachterposten zu verharren.
Wie man sich auf ein Schweigeretreat vorbereitet
Ein Schweigeretreat kann eine große Herausforderung sein. Es gibt jedoch einige Dinge, die man beachten und tun kann, um sich bestmöglich darauf vorzubereiten.
Zunächst sollte man sich fragen, warum man überhaupt an einem Schweigeretreat teilnehmen möchte: Ist es, um zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu tanken? Um in sich selbst hineinzuhorchen? Oder sucht man vielleicht sogar nach Antworten auf existentielle Fragen?
Auch die Erwartungshaltung ist wichtig: Denn diese sollte man entweder runterschrauben oder am Besten ohne Erwartungen kommen. Denn natürlich gibt es immer unvorhersehbare Momente oder Tage, an denen nicht alles glatt läuft – aber das gehört zum Retreat dazu.
Die beste Vorbereitung ist, wenn du bereits im Vorfeld für Ruhe sorgst und deinen Geist beruhigst.
Ich habe bereits vor dem Retreat wieder intensiver meditiert. Da das Retreat in dem Retreatcenter stattfand, in dem ich selbst auch mehrmals im Jahr unterrichte, habe ich mich ganz bewusst bereits für die Woche vor dem Retreat zum Unterrichten eingetragen. Denn Unterrichten erdet und beruhigt mich. Außerdem musste ich so nicht am 1. Tag anreisen, sondern konnte bereits die Ruhe im Haus genießen.

Sonntag, 12. März, Tag 1:
Am Morgen unterrichtete ich noch meine letzte Yogaeinheit. Nach dem Frühstück brechen die letzten Gäste auf und es herrscht Ruhe ehe mein Mann und die ersten Teilnehmer des Schweigeretreats eintreffen. Um 18 Uhr treffen wir uns alle das erste Mal im Meditationsraum. Dort ertwartet jeden eine dicke Meditationsmatte, ausreichend Kissen und Co. Wir starten mit einer kurzen Einführung und dürfen Fragen stellen.
Ich ertappe mich direkt dabei, wie ich ins Bewerten komme. Also tief durchatmen!
Nach einem gemeinsamen Abendessen, bei dem wir uns kennenlernen, denn noch darf geredet werden, starten wir bereits mit der ersten Meditationseinheit und der Einführung in die Metta-Meditation.
Montag, 13. März, Tag 2:
Bereits am Vorabend hatten wir festgelegt, dass wir, damit nicht jeder auf die Uhr schauen muss, zu allen wichtigen Zeiten läuten werden. Und zwar mit einer sogenannten Zimbel. So wurden wir morgens um 6 Uhr sanft geweckt. Ein Glück war ich das Aufstehen von der Woche vorher bereits gewohnt.
Das Programm war jeden Tag gleich. Was ich persönlich gut fand, so entstand eine Routine und man musste sich nicht jeden Tag aufs Neue auf einen neuen Ablauf einstellen.
Tagesablauf:
- 06:00 Wecken
- 06:30 Bewegungseinheit
- 07:15 Morgenmeditation
- 08:00 Frühstück
- 09:00 Selbstlose Hilfe (Karma Yoga)
- 10.15 Meditation, Lehre, Gehmeditation
- 12:30 Mittagessen
- 15:00 Meditation
- 16.00 Gespräche mit Ursula / individuelle Sitz- oder Gehmeditation
- 17:45 Bewegungseinheit
- 18.30 Abendessen
- 20.00 Lehre, Meditation, Metta-Meditation
- 21.30 Ende
Der erste Tag war natürlich noch etwas wuselig. Es gab viele Fragen und man merkte gleich, dass nicht jeder alles auf sich zukommen lassen wollte. Wir starteten sanft in den Tag, ehe der Gong zum Frühstück erklang. Nach dem Frühstück war ich für das Läuten eingeteilt und kündigte damit den Beginn der selbstlosen Hilfe an. Bereits am Vortag lag eine Liste aus, in die man sich für eine der aufgeführten Aufgaben eintragen sollte.
Man gab uns den Tipp: Tretet aus eurer Komfortzone heraus und tragt euch auch mal für Aufgaben ein, bei denen ihr einen gewissen Widerstand verspürt. Am 1. Tag war ich für die Gartenarbeit zuständig, zusammen mit einer weiteren Teilnehmerin. Während ich in Stille arbeitete, nahm sie es damit nicht so genau. Ja, noch durfte geredet werden, aber kluge Ratschläge zu verteilen und „ich würde das aber so machen“ war etwas, dass ich bei einem Schweigeretreat nicht hören wollte.
Nach dem Karma-Yoga kamen wir zu einer Vorstellungsrunde zusammen, ehe im Anschluss das noble Schweigen eingeläutet wurde. Während es bei einigen Retreats sehr streng zugeht, durften wir uns anschauen, sollten jedoch auf belanglose und unnötige Gespräche verzichten und voll und ganz ins Schweigen eintauchen. Fragen konnten wir jederzeit anonym aufschreiben und in ein Körbchen werfen. Diese Frage wurden nach dem Abendessen beantwortet. Außerdem gab es täglich die Möglichkeit, sich für ein Gespräch mit Ursula einzutragen.
Während bei der ersten Meditation noch meine Gedanken kreisten, konnte ich mich bei der nächsten bereits komplett fallen lassen und war wie in Trance. Wir erhielten eine Einführung der Anapanasati-Meditation. Es ist die Anleitung zur Praxis des achtsamen Ein- und Ausatmens („Ana“ = Einatmen, „Apana“ = Ausatmen, „Sati“ = achtsam). In 16 Stufen führt achtsames Atmen so zu nicht weniger als zur Befreiung des Geistes.
Abgerundet wurde jeder Tag mit der Metta-Meditation.
Die Praxis von Metta oder Liebender Güte öffnet das Herz, erlaubt, dass wir uns selbst liebevoll umarmen, Wohlwollen für uns selbst entwickeln, wie auch für die, die wir lieben, dann für diejenigen, die wir nicht kennen, diejenigen, die schwierig für uns sind, und schließlich für alle Lebewesen. Wenn wir den Geist von Metta in unsere Meditationspraxis einbeziehen, können wir mitfühlender auf die Herausforderungen reagieren, denen wir in uns selbst und in der Welt begegnen.
Dienstag-Freitag, 14.-17. März, Tag 3-6:
Ich saugte jedes Wort auf, ging in den Meditationen immer tiefer. Stellte mich meinen ganz eigenen, persönlichen Herausforderungen und tauchte tief in die buddhistische Lehre ein. Ich saugte alles auf wie ein Schwamm. Lernte die Umwandlungsmethode, die 4 edlen Wahrheiten kennen, die 3 großen Triebe, was Dhukka ist, dass es 3 Grundgefühle gibt, die 4 großen Kämpfe, die 5 Betrachtungen, die Karmagesetze, die Elemente der liebenden Güte, der achtfache Pfad etc.
Ich lernte, wo uns der Buddhismus im Alltag begegnet, wie ich ihn anwenden kann, wobei er uns helfen kann. Für mich ist der Buddhismus eine Art Leitfaden für ein bewussteres Leben. Eine Lehre für ein Leben in Achtsamkeit.
Samstag, 18. März, Tag 7:
Der letzte Tag! Am Abend zelebrierten wir eine Puja. Bei einer Puja werden Mantras, Opfergaben und vieles mehr zu einem großen Ritual miteinander verbunden. Es ist ein Ritual der Ehrerweisung des Buddha. Für uns war es eine wundervolle Abchlusszeremonie, bei der wir durch das Anzünden von Kerzen alles Gelernte noch einmal wiederholen und verinnerlichen konnten. Außerdem ließen wir eine rote Schnur herumgehen, durch die wir alle miteinander verbunden waren. Am Ende wurde die Schnur zerschnitten, sodass für jeden ein Stück blieb. Wir wendeten uns jeweils unserem Nebenmann zu und bindeten mit guten Wünschen das Armband um. Es soll solange getragen werden, bis es von alleine abfällt und uns immer an diese besondere Woche, an die Verbindung erinnern.
Sonntag, 19. März, Tag 8:
Am Morgen erwartete uns noch eine letzte Bewegungseinheit und eine wunderschöne Meditation zum Abschluss. Beim Frühstück herrschte bereits Aufbruchstimmung, das Schweigen wurde aufgehoben, es wurde wieder gesprochen und gelacht. Selbst auf dem Rückweg in der vollen Bahn war ich noch ganz bei mir, meditierte, das Handy blieb aus.
Meine liebsten Routinen:
- Das Läuten mit der Zimbel. So entschleunigend und beruhigend nicht dauernd auf die Uhr zu schauen
- Am Ende der Morgenmeditation klopften wir unseren gesamten Körper ab und sangen im Anschluss ein Lied
- Den Abend singend zu beenden
- Bei der Gehmeditation Schritt für Schritt, die frische Luft ganz bewusst wahrzunehmen
- Liebende Güte zu praktizieren
- Mich voll und ganz auf die Meditationen einzulassen
- Mich am Abend vor meinem Platz und mir selbst zu verbeugen

Meine persönlichen Herausforderungen:
Im Raum war auch eine große Buddha-Statue, vor der sich einige regelmäßig verbeugten. Da es mir persönlich etwas widerstrebt, mich vor einer Statue zu verneigen, war ich erleichtert, dass sich jede*r – wenn gewollt – ihr eigenes Ritual schaffen konnte. So verbeugte ich mich am Ende des Tages vor meinem Meditationsplatz und innerlich vor mir Selbst.
In den ersten Meditationen spürte ich die Gruppe im Raum und bemerkte, dass ich ein höheres Maß an Konzentration und Sammlung benötigte, um nicht von den Geräuschen abgelenkt zu werden. Das Meditieren in einer so großen Gruppe hat ihre Stärken und auch ihre ganz eigenen Herausforderungen, die sich jedoch immer wieder als besonders lehrreich erwiesen. Es ist beeindruckend, welch vielfältige Geräuschkulisse der Mensch trotz Schweigens erschaffen kann. Kissen verrutschen, Schnäuzen, Schniefen, Husten, mein eigener Atem, der Atem der anderen, Schluckgeräusche, Bauchgrummeln, Schnaufen, Aufstoßen, Pupsen, Rascheln der Kleidung, das geräuschvolle Ausatmen. Doch sobald man dies ausblendet, kehrt ein innerer Frieden ein.
Mich nervte direkt am ersten Tag eine Person. Doch statt die Person zu meiden, ihr aus dem Weg zu gehen, suchte ich den Kontakt und stellte mich. War ich am Anfang stets das Verhalten am Bewerten, stellte sich im Laufe der Zeit eine innere Ruhe ein, wenn ich die Person traf. Aus Bewerten wurde Beobachten!
Die Bewegungseinheiten stießen bei mir auf inneren Widerstand. Eine schlecht vorbereitete Leiterin (nicht Ursula), die mich mit Sätzen wie „Was können wir denn jetzt noch machen“ in den Wahnsinn trieb. Sie betonte zwar oft genug, sie sei keine Yogalehrerin, dennoch richtete sie falsch aus, leitete den Sonnengruß und intensive Rückbeugen am Abend an (die in den Morgen gehören) und sagte oft genug, was sie von Yoga hält – nämlich nichts. Yoga sei nicht achtsam, sondern nur eine intensive Bewegungsform. Hier fiel es mir schwer zu schweigen. Es gab auch noch ein paar unangenehme Situationen. Doch es war mein persönlicher Kampf und ich kam zu jeder Einheit. Als am Ende eine Teilnehmerin zu mir meinte: „Ich zieh meinen Hut vor dir, dass du durchgehalten hast!“, da wusste ich nicht, ob es richtig war, die Zähne zusammenzubeißen und meinen inneren Kampf auszutragen oder ob es besser gewesen wäre, ein Zeichen zu setzen und den Stunden fernzubleiben.
Persönliches Fazit:
Es war herrlich eine Woche lang nicht reagieren zu müssen und vom Bewerten ins Beobachten zu kommen. Ich hatte keine Erwartungen an das Retreat und hab mich von der Erfahrung überraschen lassen. Ich hatte kein Ziel. Außer vielleicht wieder mehr zu meditieren und das Retreat mit neuen Impulsen zu verlassen. Ich habe mich auf alles eingelassen. Ich wusste nicht, ob etwas hochkommen würde. Vor der Schweigewoche hätte ich gesagt, ich bin mit mir im Reinen. Und genau so war es auch. Ich habe mir nicht eingeredet, mit mir im Reinen zu sein und Dinge verdrängt, sondern ich war es auch. Sonst hätte ich in den Meditationen nicht so tief gehen können. Denn nur ein reiner Geist kann Samadhi erfahren. Eine Erfahrung, die man nicht in Worte fassen kann, außer pure Glückseligkeit. Ein Zustand, in dem das Denken aufhört, man sich selbst leicht und frei fühlt und Glück und Liebe empfindet.
